Die Hotlist 2020 – die beliebtesten Neuerscheinungen aus den unabhängigen Verlagen!

Seit 2009 wird im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, in diesem Jahr ausschliesslich digital, der Preis der sogenannten Hotlist an unabhängige Verlage verliehen. Aus 170 Einreichungen wurden 30 Titel online zur Wahl gestellt.

Die daraus vom Publikum ermittelte Top 3 plus sieben weitere, von einer Fachjury ausgewählte Titel, bilden die Hotlist 2020:


Die Bücher der Hotlist 2020:

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links
Verlag: Jung und Jung

Ein vielfältiges Bild von Angst und Einsamkeit, von Wut und dem Gefühl nicht dazuzugehören, gezeichnet mit düsterem Witz. Die Mutter ist eine Art Greifvogel, der Vater eher ein Grizzly, die älteren Zwillingsschwestern die Verkörperung des Bösen in Engelsmaskerade. Das Elternhaus bittet förmlich darum, in Brand gesteckt zu werden.

Die 1983 in Salzburg geborenen Autorin, Malerin und Philosophin Helena Adler erzählt mit “Die Infantin trägt den Scheitel links” eine Heimatidylle hinter deren poröser Fassade Schmerz und Bigotterie nicht lange verborgen bleiben.

 


Marco Dorati: Professorenmensa
Verlag: Edition Monhardt

„Professorenmensa“ ist der erste in deutscher Sprache verfasste Prosaband des aus Mailand stammenden Autors und Literaturtheoretikers Marco Dorati.

Die starke Bildlichkeit und das präzise Timing seiner skurrilen Erzählungen sind fast filmisch. In Form von 14 Kriminalerzählungen und Anekdoten lässt Dorati seine Figuren, mit eher lautmalerisch deutschen Namen wie Pföns oder Husch, nüchtern und dennoch virtuos Bewusstsein, Identität und das Berlin der Wendezeit erforschen.

 


Hamed Abboud: In meinem Bart versteckte Geschichten
Verlag: Edition Korrespondenzen

Hamed Abbouds Flucht von Syrien nach Österreich dauerte zwei Jahre. Von dieser Erfahrung erzählte der 1987 geborene Autor in seinem Prosaband „Der Ritter der Schlüssel“ aus dem Jahr 2018.

In seinen „In meinem Bart versteckten Geschichten“ betrachtet er nun in 13 Texten sein Leben in der neuen Heimat. Dort hat sein Bart eine andere Bedeutung. Ebenso wie die Kleidung – seine und die der anderen. Vieles trägt zur gegenseitigen Verunsicherung bei. Abboud muss sich auf die Suche machen nach einem Platz, innen und außen, der sich wie ein Zuhause anfühlt. Dieser Suche kann er auch Positives abgewinnen.

 


Young-Ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders
cass Verlag

Der 70-jährige ehemalige Serienmörder Byongsu Kim hat schon seit 25 Jahren niemanden mehr umgebracht. Nun scheint ein Fremder sein Werk fortsetzen zu wollen. Ausgerechnet in der Nachbarschaft, in der der alte Mann und seine Tochter leben, werden in kurzen Abständen Frauen ermordet. Als echter Profi hat er auch schon jemanden unter Verdacht. Den muss er erledigen, bevor er ihn vergisst. Denn Byongsu Kim hat Alzheimer.

Der 1968 geborene Young-Ha Kim gehört zu den bekanntesten koreanischen Autoren seiner Generation – sein Roman “Aufzeichnungen eines Serienmörders” wird von der deutschen Kulturkritik gefeiert!

 


Shelagh Delaney: A Taste of Honey
AvivA Verlag

Wer beim Lesen des Titels bereits einen Ohrwurm hat, liegt richtig. „A Taste of Honey“ (sehr bekannt auch durch die Coverversion der Beatles) ist der Titelsong eines Theaterstücks der damals 19-jährigen britischen Autorin Shelagh Delaney.

Das Sozialdrama über eine von einem schwarzen Matrosen ungewollt schwangere Prostituierte, erregte in den 1950er Jahren so großes Aufsehen, dass es den Sprung an den Broadway schaffte und 1961 sogar verfilmt wurde.

Nun liegen einige Stücke und Erzählungen der Britin in der deutschen Neuübersetzung des Dramatikers Tobias Schmitz vor.

 


Michael Palin: Erebus
Verlag: mare

2014 fand man an der Nordküste Kanadas das Wrack der über 150 Jahre zuvor verschollen geglaubten HMS Erebus. Nach einer erfolgreichen Forschungsreise durch die Antarktis, war die Besatzung des Schiffs 1845 unter dem Kommando von Sir John Franklin Ross in die Arktis aufgebrochen um die Nordwestpassage zu kartieren.

Sir Michael Palin, ehemals Teil des weltberühmten Comedy-Ensembles Monty Python und Autor von Reiseberichten und Romanen, erzählt in “Erebus” die Geschichte der Errungenschaften und  des tragischen Scheiterns des Forschungsschiffs und seiner Crew.

 


Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten
Unionsverlag

Der britische Künstler, Zoologe und Publizist Desmond Morris zeigte in den 1950er Jahren eigene surrealistische Werke in Gemeinschaftsausstellungen mit Joan Miro und wurde 1967 Direktor des Institute of Contemporary Arts in London.

Seine in „Das Leben der Surrealisten“ versammelten Portraits berühmter Künstler‘innen wie Meret Oppenheim und Salvador Dalí, sind nicht aus wissenschaftlicher oder chronistischer sondern sehr persönlicher Perspektive verfasst. Morris kannte all diese Persönlichkeiten und berichtet nicht nur über ihre Kunst, sondern kennt auch einige ihrer Geheimnisse.

 


Christoph Schneeberger: Neon Pink & Blue
verlag die brotsuppe

Christoph Schneeberger ist politischer Aktivist, Drag Queen und seit “Neon Pink & Blue” auch Buchautor. Seine Hauptfigur X strandet eines heißen Sommertages am Zürisee. Obdachlos und mit „Panoramakopfweh“ philosophiert X über Herkunft und Identität.

Darüber, wie es war als Kind durch Graslilien zu spazieren und darüber, wie es gewesen wäre bei Gelegenheit mal ein Mädchen zu sein. Über Lebensträume und Phantomschmerzen.

 

 


Nora Gomringer: Gottesanbieterin
Verlag: Voland & Quist

Alles begann mit einem Tier. Im Hinterhof ihrer amerikanischen Gastfamilie traf Nora Gomringer vor vielen Jahren auf eine riesige Gottesanbeterin. Eine ganze Stunde verbrachten Heuschrecke und Dichterin miteinander, woraufhin Gomringer begann über die Vielschichtigkeit von Religiosität zu reflektieren. In ihrem Gedichtband „Gottesanbieterin“ (das zusätzliche „i“ hat sich das Tierchen redlich verdient), versammeln sich seither entstandene Gedanken über Diesseits und Jenseits, ohne Scheu vor der Gretchenfrage.

 

 


Christoph Höhtker: Schlachthof und Ordnung
Verlag: weissbooks.w

Joachim A. Gehrke ist lethargisch, arbeitslos und hochintelligent. Seine schriftstellerischen Ambitionen scheitern an einer Depression, die er bisher versuchte mit der Einnahme des Psychopharmakons Marazepam zu bezwingen. Doch plötzlich verweigert ihm sein Arzt das für ihn so wichtige Medikament. Der Rest der Welt scheint allerdings noch Zugang dazu zu haben. Menschen aller Gesellschaftsschichten verfallen der Glücksdroge.

Christoph Höhtker entwirft in “Schlachthof und Ordnung” eine Dystopie, die immer mehr zum Spiegelbild unserer Gegenwart wird.

 



Wie alles begann:

 

Im September 2009 saßen Wolfgang Farkas, Gründer des Blumenbar-Verlags und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag zusammen und ärgerten sich. Überraschend kam das natürlich nicht, aber: Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises war mal wieder kein einziger kleinerer unabhängiger Verlag vertreten. „Jetzt reicht’s“, beschloss man. „Dann brauchen wir eben eine eigene Liste. Und da darf dann keiner von den Großen mitspielen.“  
Also wurde eine Rundmail an 20 unabhängige Verlagsleiter*innen geschrieben. Jeder von ihnen sollte den heißesten Titel unter den Neuerscheinungen des eigenen Verlags einreichen. Die sogenannte “Hotlist” war geboren. Sie sollte keine Kopie der Buchpreis-Liste werden. Auch Übersetzungen ausländischer Texte sollten zugelassen sein und vielfältige Genres. Literarische Qualität ist schließlich nicht nur in der Belletristik zu finden. Hauptsächlich aber sollte den Leistungen der unabhängigen Verlage eine Bühne geboten werden. Axel von Ernst, heute Vorsitzender des Hotlist Vereins, und sein Lilienfeld Verlag gehörten damals dazu. (Von Ernst ist übrigens ein Künstlername: „Mein Vater hieß Ernst und ich wollte nicht lügen.“)

„Die ersten Reaktionen auf die Hotlist schwankten zwischen Freude und Empörung,“ erinnert von Ernst heute.

Freude von Seiten der kleineren unabhängigen Verlage, Empörung bei den Konzernverlagen, die nicht wussten, wie sie die Verbrüderung der Kleinen deuten sollten. Sollte das ein Angriff werden? Eine Revolution?

Solche Streitigkeiten sind für die Öffentlichkeitswirkung allerdings ein Geschenk. Die Aufmerksamkeit der Presse hatte man damit schon einmal ohne größeren Aufwand erreicht.

Axel von Ernst – Verleger des unabhängigen Lilienfeld Verlags sowie Vorsitzender des Hotlist Vereins

Und innerhalb der neu entstandenen Gruppe von Hotlist-Kandidat*innen war von Konkurrenz keine Rede. Im Gegenteil entstand eine positive Aufbruchsstimmung. Man wollte gemeinsam versuchen, aus dem Schatten der Großen zu treten. Wenn auch nur für einen Moment. Einmal im Jahr. Von Ernst erinnert sich an die überraschend große Kraft und Energie, mit der alle ihre größten Talente in einen Topf warfen, um innerhalb nur eines Monats einen neuen Buchpreis zu erfinden und publik zu machen. Denn so lange dauerte es bis zur nächsten Frankfurter Buchmesse und auf der sollte der Preis der Hotlist in großer Feierlichkeit verliehen werden.
Die Frage war: Wie kriegen wir es hin, dass wenigstens einmal im Jahr alle Augen auf uns gerichtet sind? Und es war klar: das geht nur mit vereinten Kräften. Die Presseabteilungen der Verlage rührten Hand in Hand die Werbetrommel, Plakate wurden entworfen und gemeinsam finanziert gedruckt, Sponsoren wurden aufgetrieben. Als Moderator der ersten Preisverleihung konnte man den prominenten TV-Literaturexperten Denis Scheck gewinnen.

Die Auftakt-Veranstaltung der Hotlist wurde ein großer Erfolg. „Nun ging es darum, die Truppe weiterhin zusammenzuhalten“, sagt von Ernst. Die anfängliche Euphorie musste in Bahnen gelenkt werden, um Strukturen zu schaffen, die auch in den nächsten Jahren noch zu Erfolgen führen würden.

Inzwischen werden jährlich um die 170 Titel eingereicht, aus denen dann eine Vorauswahl von 30 getroffen wird. Nur diese 30 stehen dann online zur Wahl. Die drei Titel mit den meisten Stimmen und sieben weitere, die von einer Fachjury bestimmt werden, bilden am Schluss die Hotlist.

In jedem Jahr ist von Ernst wieder überrascht von den Einreichungen. Immer ist noch ein weiterer kleiner Verlag mit komischem Namen dabei, von dem selbst er noch nie gehört hat. Und doch werden dort relevante Themen behandelt, an die man sich in größeren Verlagen nicht herantraut, die man seiner Leserschaft nicht zutraut.

Finanziell bleibt es schwierig für die Hotlist. „Wir sind auf die falsche Art und Weise international“, sagt von Ernst. Zwar müssen alle eingereichten Titel in deutscher Sprache verfasst oder in deutscher Übersetzung vorhanden sein, aber es sind eben auch Einreichungen aus dem deutschsprachigen Ausland zugelassen. Die Bundesregierung gewährt also keine Fördermittel. Große finanzielle Unterstützung ist die Schweizer Michalski Stiftung.

 

Die Hotlist heute

 

Und wie ist es in diesem Jahr? Ist die Hotlist in Corona-Zeiten wichtiger geworden? Natürlich können die kleineren Verlage gerade in diesen Zeiten mehr Aufmerksamkeit vertragen. Was allerdings die Zukunft der Buchbranche an sich angeht, ist man in der Hotlist-Gemeinschaft guter Dinge. Insbesondere direkt in den Buchhandlungen sieht von Ernst voller Freude neue Energie entstehen: „Die Buchhändler*innen haben große Kreativität bewiesen in den letzten Monaten. Die lassen sich nicht unterkriegen. Und das wird belohnt.“

Maria-Christina Piwowarski aus der Buchhandlung Ocelot Berlin

Und was bedeutet die Hotlist für den Buchhandel? Da fragt man am besten Maria-Christina Piwowarski, Leiterin der Buchhandlung Ocelot, not just another bookstore, die in diesem Jahr in der Jury des (Trommelwirbel) Deutschen Buchpreis sitzt.
Sie sagt:

„Unabhängige Verlage begleiten uns das ganze Jahr über. Neben dem Indiebookday im Frühjahr ist die Hotlist ein wunderbar wichtiges Schlaglicht, um die Aufmerksamkeit für die Perlen der Indies noch etwas breiter in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit zu rücken.

Jedes Mal freuen wir uns über Listentitel, auf die wir fest gewettet hatten, sind aber mindestens genauso überrascht von Aha-Momenten und Überraschungserlebnissen, die es sich dann umgehend zu erlesen gilt. Genau diese Mischung, die sicherlich auch aus dem sehr besonderen Prozedere aus Juryarbeit und Publikumsvoting resultiert, macht die Hotlist zu einer beeindruckend lebendigen Abbildung eines jeden Literaturjahres.“

Na, bitte. Ziel erreicht!

 



Die wichtigsten Fakten zur Hotlist:

 

  • Die teilnehmenden Verlage müssen über einen professionellen Vertrieb verfügen und jährlich mindestens 2 Buchtitel veröffentlichen. Konzernabhängige Verlage und Verlage, die durch Druckzuschüsse gefördert werden, sind von der Teilnahme ausgeschlossen.
  • Jeder unabhängige Verlag darf sich mit einem Titel bewerben, der spätestens zum 1.September des Ausschreibungsjahres auf deutsch erscheinen muss, frühestens ein Jahr zuvor.
  • Erlaubt sind: Lyrik, Prosa, Essays, erzählendes Sachbuch, zeitgenössische oder alte Autoren, deutschsprachige oder übersetzte Titel, das besondere Buch.
  • Ausgeschlossen sind: Kinderbücher, Hörbücher, reine Ratgeber- oder Fachliteratur, das Geschenkbuchsegment sowie elektronische Ausgaben.
  • Der Hauptpreis der Hotlist ist mit 5000 € dotiert.
  • Die nachfolgenden 9 Verlage erhalten geringer dotierte Preise und Druckereigutschriften
  • Traditionell findet die Preisverleihung an einem Freitag im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse statt. In diesem Jahr gibt es eine digitale Ersatzveranstaltung.
  • Hauptpreisträger der letzten drei Jahre:

             2019: Edition Nautilus für „Das Fortschreiten der Nacht“ von Jakuta Alikazovich
             2018: Elfenbein Verlag für „Manapouri“ von Marcel Schwob
             2017: Matthes & Seitz Berlin für „Strategien der Wirtsfindung“ von Brigitta Falkner

  • Die 5-köpfige Jury besteht in diesem Jahr aus:

             Christoph Danne (Autor, Buchhandlung Bittner)
             Ulrich Gutmair (Kulturredaktion Die Tageszeitung)
             Jörg Plath (Literaturredakteur Deutschlandfunk Kultur und Kritiker)
             Gerlinde Tamerl (Wagner’sche Buchhandlung, freie Literaturkritikerin)
             Nora Zukker (Autorin und Literaturkritikerin)

  • Wer dabei helfen möchte die Hotlist auch in Zukunft möglich zu machen kann sich für einen Beitrag von mindestens 5€ im Monat dem Förderkreis anschließen.


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