Schreiben mit Vorsatz: Verschwinden, um gesehen zu werden


Frauen schreiben als Frauen, Männer als Autoren. Was also tun?
Am besten: Nicht über Frauenthemen schreiben. Oder: im Verborgenen operieren.

Schreiben ist hart. Es kann sich anfühlen wie eine Operation am offenen Herzen mit dem aufgeschlagenen Pschyrembel neben sich liegend, ah, da, eine Arterie. Aber es fühlt sich nur so an. Man muss sich aushalten können, um Literatur zu produzieren.
Gleichzeitig liegt darin eine Kraft, die so stärkend sein kann, dass sie einen viel ertragen lässt. Selbstermächtigung, ein großes Wort. Es passt gut zu emanzipatorischen Bewegungen der jüngeren Zeit, dass immer mehr Texte auftauchen, die im Raum zwischen erdachtem und erlebtem Leben stehen. Im besten Falle weisen sie über das Einzelne hinaus. Die Zeit der Erinnerungsliteratur, des Sichtbarmachens von Lebenswelten.

Es gibt bessere Wege, um sich bei manchen Menschen beliebt zu machen, aber literaturgeschichtlich sieht es so aus: Lange Zeit war es Männern vorbehalten, über diese Welt zu schreiben. Da Frauen dazugehören, haben sie auch über sie geschrieben, sie beschrieben – und damit auch verortet.

Auch dadurch hat weibliches Schreiben eine besondere, reflexive Dimension: Sie beinhaltet die Umstände des Schreibens, die schiere Möglichkeit, neben der Betreuung von Schwächeren, den frei gehaltenen Rücken, der Instandhaltung von Seelen Literatur zu machen. Frauen schreiben (auch) darüber. Oder, anders: Frauen erzählen aus ihrer Perspektive und verweisen dabei – im besten Falle – auf Strukturen, innerhalb derer sie schreiben.  

Und heute, fragt die Ketzerin in mir reflexhaft, da ist doch wohl alles anders? Niemand muss schließlich Kinder bekommen, jede kann eine Insel sein, ein freies Bohémienne-Leben führen, es braucht keine Versorger mehr und – das ist natürlich ein quickfideles Argument – sich beruflich mit Schreiben beschäftigen muss ja auch keine. Es gibt so viele andere tolle Berufe, die der Menschheit einen Dienst erweisen.
Stimmt. Nur laufen diese Argumentationen immer auf ein Szenario zu: Frauen überlassen anderen das Schreiben. Über sie. Über alles.
Zudem gilt auch für alle anderen Berufe: Die Vereinbarkeit von Care- und Lohnarbeit, eine traurige Sache. Auch über eine der vielleicht größten Lügen unserer Zeit, die Vereinbarkeitslüge, muss geschrieben werden.

Daraus ergibt sich ein Dilemma. Es scheint sich schwer auflösen zu lassen, denn (ich bin hier nur die Überbringerin der schlechten Nachricht): Männer schreiben als Autoren, Frauen als Frauen. Immer noch. Wäre dem nicht so, würde in der Rezeption ihrer Bücher nicht so oft etwas schieflaufen, nämlich die Trennung von Autorin und Werk. In verlässlichen Abständen gibt es die eine Buchkritik, die in dieser Hinsicht alle Vöglein vom Himmel schießt. Meistens werden dort auf subtile Weise äußerliche Merkmale der Autorin und ihr Werk aufeinander bezogen.

Es scheint offensichtlich: Wenn eine Autorin wie Sally Rooney über verkorkste Begegnungen von leicht verkorksten jungen Menschen schreibt, die auf verkorkste Weise Intimität versuchen, dann muss sie zuvor wohl ziemlich melancholisch gewesen sein. Oder aber das Schreiben darüber hat sie melancholisch gemacht. Jedenfalls sieht sie nun auf manchen Bildern aus „wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen“, wie es in einem Text des Schweizer „Tages-Anzeigers“ heißt.
Darauf reagierten Menschen im Netz mit dem schönen Hashtag #dichterdran, der die Sache umdrehte und ähnliche Zuschreibungen für männliche Autoren sammelte – sehr unterhaltsam.

Was schreiben Frauen auch ständig über feministische Themen, sagt die Ketzerin. Frauenkram. Über Körperlichkeit, über Sex, über Geburt, über Mutterschaft…über, über…Übergriffe. Es gibt so viele andere schöne Themen.
Auf ästhetischer Ebene sollte all das eigentlich keine Rolle spielen. Texte sind Texte sind Texte. So gesehen gibt es kein weibliches Schreiben. Aber es gibt Unterschiede in den Erfahrungswelten, und das soziale Geschlecht ist gewiss nur ein Merkmal in dieser ganzen hochkomplizierten Identitätsfrage. Aber: Es ist eines, das unweigerlich Hinsichten auf die Dinge prägt, siehe oben.

Was wir bis hierhin sicher sagen können: Auch in der Rezeption des nächsten Jahrhundertromans, der den Sieg der Wissenschaft über alle Formen von Verschwörungsfolklore beschreibt, wird jemand auf die Idee kommen zu sagen: Wie bemerkenswert, dass er ausgerechnet von einer Frau geschrieben wurde.

Ein Ausweg aus dem ganzen Dilemma, bis zum bitteren Ende gedacht: Verschwinden, um gesehen zu werden. Als Autorin nicht identifizierbar sein, hinter das eigene Werk zurücktreten. Es ist symptomatisch, dass eine der erfolgreichsten Autorinnen unserer Zeit unter einem Pseudonym schreibt. Ist Elena Ferrante wirklich eine Frau? Ihr ganzer Aufwand, anonym zu bleiben, spricht dafür.

Die andere Alternative: Weitermachen. Sichtbar sein, sichtbar machen und abwarten. Auf den Tod der Reh-Metapher.


Empfehlenswerte Bücher zum Thema: 

Rebecca Solnit: “Unziemliches Verhalten”

Wie sich die eigene Stimme finden lässt, wenn die Gesellschaft Schweigen befiehlt — Mit diesem Buch steigt Rebecca Solnit endgültig aufs Podest zu Joan Didion und Susan Sontag: Ihre Geschichte ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Stimme fand, während sie schweigen sollte. Im San Francisco der achtziger Jahre herrscht eine harsche Atmosphäre der Misogynie, Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung, wird hingenommen, nicht hinterfragt. Hier wird Rebecca Solnit eine andere, überwindet ihr Schweigen, die eigene Unsichtbarkeit. Sie wird zur Aktivistin, zur öffentlichen Person und zur wichtigen Intellektuellen. “Unziemliches Verhalten” ist ein elektrisierender Bericht über vierzig Jahre gelebten Feminismus, über Rückschläge, Meilensteine und den Triumph des eigenen Ichs.

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Virginia Woolf: “Ein Zimmer für sich allein”

Hätte Shakespeare eine Schwester gehabt, ebenso begabt wie er, wie wäre es ihr ergangen? Welche Widerstände mussten Jane Austen oder die Brontë-Schwestern überwinden? Im Oktober 1928 hielt Virginia Woolf zwei Vorträge am ersten Frauencollege Großbritanniens an der Universität Cambridge. Ob ihnen bewusst sei, fragte Woolf ihre Zuhörerinnen, dass sie vielleicht »das am häufigsten abgehandelte Tier des Universums« seien? Schließlich wurde Literatur über Frauen fast ausschließlich von Männern verfasst. Aus Woolfs Vorträgen entstand der Essay »Ein Zimmer für sich allein«, den sie ein Jahr später veröffentlichte. Zu Woolfs Lebzeiten bereits hochgelobt, wurde ihre Abhandlung über Frauen und Literatur zu einem der meistrezipierten und wegweisenden Texte der Frauenbewegung.

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Laurie Penny: “Unsagbare Dinge”

Laurie Penny zerlegt gnadenlos den modernen Feminismus und die Klassenpolitik, wenn sie von ihren eigenen Erfahrungen als Journalistin, Aktivistin und in der Subkultur berichtet. Es ist ein Buch über Armut und Vorurteile, Online-Dating und Essstörungen, Straßenkämpfe und Fernsehlügen. Der Backlash gegen sexuelle Freiheit für Männer und Frauen und gegen soziale Gerechtigkeit ist unübersehbar – und der Feminismus muss mutiger werden! Laurie Penny spricht für einen Feminismus, der keine Gefangenen macht, dem es um Gerechtigkeit und Gleichheit geht, aber auch um Freiheit für alle. Um die Freiheit zu sein, wer wir sind, zu lieben, wen wir wollen, neue Genderrollen zu erfinden und stolz gegenüber jenen aufzutreten, die uns diese Rechte verweigern wollen. Es ist ein Buch, das jenen eine Stimme gibt, denen das Sprechen verboten wird – eine Stimme, die das Unsagbare ausspricht.

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