Ein Gespräch mit der Übersetzerin Ulrike Draesner

Am 8. September ging der Nobelpreis für Literatur 27 Jahre nach Toni Morrisson zum ersten Mal wieder an eine amerikanische Frau. Die 77-jährige New Yorkerin Louise Glück ist hierzulande relativ unbekannt. Nur zwei ihrer Werke („Averno“ und „Wilde Iris“) wurden bisher ins Deutsche übertragen, sind aber aktuell aufgrund von Rechteproblemen nicht im Handel verfügbar. Dass es also überhaupt möglich ist Glücks Werk in deutscher Sprache nachzuvollziehen, ist der Verdienst einer weiteren Frau: der Autorin und Dichterin Ulrike Draesner. Mit ihr hat mojoreads Redakteurin Yvonne Franke über die besondere Herausforderung gesprochen, die es bedeutet Lyrik zu übersetzen und darüber, was das Preiswürdige ist am Werk der Louise Glück:


Es schien, als sei alle Welt überrascht, dass der Nobelpreis in diesem Jahr an Louise Glück geht. Nachdem Sie so tief in Ihr Werk eingetaucht sind, haben Sie vielleicht mehr damit gerechnet, als andere?

Ulrike Draesner: Ich war vollkommen überrascht. Ich saß im Zug und plötzlich klingelte das Handy und hörte überhaupt nicht mehr auf. Ich habe mich sehr gefreut. Zum einen für das Werk von Louise Glück, aber auch für die Lyrik. Ich finde wichtig und schön, dass ein Lebenswerk wie ihres ausgezeichnet wird. Sie ist einen ganz eigenen Weg gegangen. Heute sieht man, dass ihre Art des „nature writing“, bei der Pflanzen selbst sprechen, etwas vorwegnimmt, worüber wir heute im Anthropozän viel nachdenken, weil wir neue Wege brauchen, uns nicht-destruktiv mit den Lebewesen zu verbinden, die uns umgeben. Glück hat sich nie etwas auf die Fahnen geschrieben, sie ist keine laute Feministin. Doch da sie über Körper nachdenkt, denkt sie auch über Gender nach. Und mit aller Selbstverständlichkeit macht sie typisch männliche Domänen in der Lyrik, etwa die Erzählung von Mythen oder den Gang in die Unterwelt, zu Orten weiblichen Schreibens. Ausgezeichnet sind mit Glücks Werk auch zwei Stärken der Lyrik: sie bringt Fragen auf den Punkt und sie sondiert unsere Lebensverhältnisse. Lange vor dem allgemeinen Diskurs können Bruchlinien sichtbar gemacht werden. Die Frage nach dem Körper ist zentral in Zeiten von Genetik. Klimaerwärmung und der forcierten Entwicklung von künstlicher Intelligenz.  So kann Lyrik immens politisch sein. Eben indem sie keine Antworten gibt, sondern Fragen erlaubt. Dieser Aspekt, die Stärkung eines Werkes, das zweifelt und sucht, gefällt mir am allerbesten an diesem Nobelpreis.

Wie kamen Sie dazu Louise Glück zu übersetzen?

Ulrike Draesner: Zweierlei kam zusammen. 2006 kaufte mein Verlag, Luchterhand, die Rechte an zwei der Gedichtbände Glücks. Man suchte jemanden für die Übersetzungen, sprach Übersetzer*innen an und bat um eine Probeübersetzung. Ich interessierte mich dafür, weil ich, durch einen Zufall, 2005 auf einer Lesereise in den USA in einem Buchladen in Harvard Werke von Louise Glück entdeckt hatte. Ich fand ihre Stimme absolut eigenständig und daher sehr interessant. Ganz anders auch als das, was mir in der deutschsprachigen Lyrik begegnete. Die Diskussion der Glaubensfragen etwa. Das Aufscheinen einer dystopischen Landschaft. Ich bekam den Zuschlag für den Übersetzungsauftrag und so entstanden die beiden Bände.

Haben Sie eine Gemeinschaft gespürt zwischen der eigenen Arbeitsweise und der von Louise Glück? Warum glaubten Sie die richtige für diesen Übersetzungsauftrag zu sein?

Ulrike Draesner: Ich übersetze schon lange, habe Anglistik studiert und in England gelebt. Das Übersetzen aus dem Englischen ist etwas, das mich seit langem begleitet. Ich habe bemerkt, dass es am besten funktioniert, wenn ich etwas übersetze, dass meinem Schreiben nicht zu sehr ähnelt. Aus der Differenz resultiert eine fruchtbare Spannung. Außerdem ist die Versuchung nicht so groß, die Dichterin, die ich übersetze, zu mir selber zu machen. Also sie zu verfremden, indem ich zu viel von mir hineinstecke. Es muss zudem etwas geben, das einen anfixt – unruhig macht, Fragen aufwirft – sprachlich und inhaltlich. Das alles war bei Louise Glück der Fall.

Inwiefern?

Ulrike Draesner: Ihre Themen sind ungewöhnlich. Sie ist sprachlich ganz anders als ich. Ihre Sprache ist zunächst einfach. Das ist öfter so in der anglo-amerikanischen Lyrik, aus Gründen, die mit dem Aufbau der Sprache zusammenhängen und mit der lyrischen Tradition. Das Vokabular ist relativ einfach. Manchmal gibt es natürlich auch Wörter, die auch ein native speaker nachschlagen müsste, aber im Prinzip ist die Sprache alltäglich. Schnell betritt man in Glücks Gedichten einen Raum, etwa eine Landschaft, ein Feld oder einen Garten. Dort trifft man auf ein, zwei oder drei Figuren. Es entsteht zunächst ein Bild, ein zweites wird hinzugefügt. Eben lehnt man sich in der Imagination bequem zurück, da wechselt das Gedicht den Gestus. Eine Frage wird gestellt. Etwas wird in Frage gestellt. Als stünde man auf einem Feld: und nun ist der Ball erschienen. Er wird in der Folge weiterbewegt, die Richtungen wechseln, neue Aussichten, Perspektiven erscheinen. Louise Glück arbeitet oft in Zyklen und treibt darin philosophische und metaphysische Fragen voran. Sie forscht mit Sprache und Bildern, das hat mir gefallen.

Wie erarbeitet man sich als Übersetzerin so ein komplexes Werk? 

Ulrike Draesner: Glücks Arbeiten sind zum einen sinnlich, haben aber auch einen konzeptuellen, denkerischen Rahmen. Wenn man anfängt, damit zu arbeiten, erkennt man, dass dieser Rahmen sehr bewusst und geschickt gebaut ist. Es gibt viele Resonanzen auf die Lyrikgeschichte und auf antike Mythen oder Dantes Göttliche Komödie. Sie arbeitet mit Echoräumen, wobei sie die Kunst beherrscht, das nicht auszustellen.

Und trotzdem muss man ja versuchen, all diese Bezüge zu erkennen als Übersetzerin.

Ulrike Draesner: Das wäre günstig, ja. Ich habe bestimmt nicht alles erkannt. Entscheidend ist beim Übersetzen aber etwas anderes, nämlich die Sprache, in die hinein man übersetzt. Bei Glück stehen in der Regel alle Gedichte eines Bandes in einem zyklischen Zusammenhang. Es gibt Unterzyklen und scheinbare Einzelstücke, doch der Ton, Motive, Wörter verbinden die Texte miteinander. In derartigen Fällen ist es entscheidend, die Struktur zu lesen: also zu erkennen und dann mitzuübersetzen. Ich erfinde einen Fall: Wenn das Wort „pflanzen“ auf Seite 12 vorkommt und auf Seite 40 wieder, muss mir das auffallen. Dann kann ich überlegen, was ich damit mache. Ob es an beiden Stellen die gleiche Bedeutung hat. Oder ob es im Englischen hieß „plant an idea in your head“, wo pflanzen im Deutschen eine Metapher wird, ohne es im Englischen zu sein. Am Ende ist das, als hätte man eine riesige Wand voller Wörter an bestimmten Positionen im Kopf, ein großes Bild, sozusagen das ganze Original, und dann fängt man an, den gelegten semantischen und lautlichen Spuren zu folgen und sie verschiebend zu übertragen. Das ist sozusagen die Arbeit, die unter der später dann als Ergebnis sichtbaren Oberfläche des Textes liegt. Deshalb dauert das Übersetzen so lang und ist notorisch unterbezahlt.

Kann diese Arbeit nur unterbezahlt sein?

Ulrike Draesner: (lacht) Ja, und literarische Arbeit kann auch immer nur unterbezahlt sein.

Man wird gefragt: warum bekommt man dieses oder jenes Zeilengeld für so etwas Einfaches, wie den Satz „Did you really come?“ Den könnte doch jeder übersetzen. Das stimmt. Doch mit gedacht werden muss auch die Arbeit, die bereits im Text und der Auseinandersetzung mit ihm steckt, bis man überhaupt den Punkt erreicht, an dem man entscheiden kann, wie man diesen Satz übersetzt. Kamst du wirklich? Kamen Sie wirklich? Echt, du kamst? Du kamst nicht, oder?

Man sucht, man interpretiert, man entdeckt.

Hat Louise Glück Sie darin unterstützt? Gab es eine Zusammenarbeit?

Ulrike Draesner: In „Wilde Iris“ kam eine Blume vor, die ich nirgendwo finden konnte. Das war auffällig, weil der Band sonst nur Pflanzen zu Wort kommen ließ, die wir alle kennen, wie Schneeglöckchen und Lilien, oder die wenigstens das Internet kennt. Ich fragte die Autorin per Mail, und sie versicherte mir, dass sie sich exakt daran erinnere, Zwiebeln dieser Art in einem Katalog gesehen habe. Das war in den 70er Jahren. Das ist natürlich sehr schön. Und hilft nicht im geringsten dabei, die deutsche Übersetzung zu finden.

Was haben Sie dann gemacht?

Ulrike Draesner: Ich habe die Pflanze wörtlich übersetzt. Ich glaube, es war eine bestimmte Lilienart. Das Wort „Lilie“ stand also fest. Verbunden mit einer Farbe, wie im Englischen. Viel Aufwand, viel Recherche im Internet und am Ende doch eine Art Erfindung.

War das das einzige Mal, dass Sie miteinander kommunizierten?

Ulrike Draesner: Glück war insgesamt sehr zurückhaltend und wollte eigentlich keinen Kontakt. Alles musste über ihre Agentur laufen, und nur per Mail. Ich konnte damit gut umgehen. Mich haben die Texte interessiert und das, was sich aus ihnen lesen lässt. Im Endeffekt war die Arbeit mir überlassen, und das ist gut so. Übersetzen bedeutet ja, eine Brücke zu schlagen. Einen dichterischen Ton hinüberzuerfinden in ein anderes lyrisches System. Und das ist noch einmal etwas ganz anderes als die Schwierigkeiten der semantischen Referenz, über die wir eben sprachen.  

Sie sind Übersetzerin, schreiben aber auch selbst Lyrik und Belletristik.

Ulrike Draesner: Nein. Ich bin Schriftstellerin, ich bin Prosa-Autorin, ich bin Dichterin. Und ab und an, wenn mich etwas interessiert, übersetze ich auch. Das zwingt mich dazu, mich neu an der Sprache zu reiben, oder vielleicht an beiden Sprachen, dem Englischen und dem Deutschen. So lerne ich sie immer besser kennen. Für mich ist Übersetzen eine Art und Weise, mich fortzubilden. Das geschieht nicht durch Annäherung an einen fremden Dichter, sondern durch die mir abverlangte Bewegung im Sprachraum des Deutschen.

Sicher ist das zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer einzuschätzen, aber vielleicht haben Sie schon eine Idee davon, was sich für Sie verändern könnte, nachdem Louise Glück der Nobelpreis verliehen wurde.

Ulrike Draesner: Das weiß ich nicht. Aber ich wünsche mir natürlich eine Stärkung der Lyrik. Mehr Lyrik lesen. Mehr davon hören. Sich darauf einlassen. Und, klar, mehr Draesner lesen.


Der aktuelle Roman von Ulrike Draesner: “Schwitters” (Penguin Verlag, 2020)
Eine Rezension von mojoreads Redakteur und Buchhalter Günter Keil

Schlaue Schärfe, große Bühne

Vorhang auf! Dieses Buch ist eine Bühne. Oben im Scheinwerferlicht steht die Schriftstellerin Ulrike Draesner. Steht? Nein. Sie springt, jongliert, reflektiert, rennt, stoppt, hält inne und überrascht mit jeder neuen Nummer. Denn Draesner agiert als Zauberin, die aus der Lebensgeschichte des Künstlers Kurt Schwitters eine grandiose Vorstellung macht. Also: Keine klassischen Biografie, sondern ein komplexer, kreativer Roman. Virtuose Literatur.

Zwischen den Zeilen stellt Ulrike Draesner spannende Fragen: Was passiert, wenn ein gefeierter Künstler im Exil von vorne anfangen muss? Gibt es einen Halt ohne Heimat? Draesner guckt genau hin, guckt Schwitters über die Schulter, ins Atelier, ins Bett. Warum betrügt er seine Frau? Wie kommt er mit den Demütigungen der Flucht klar? Wortakrobatin Draesner begeistert mit ihrem Grundton der schlauen Schärfe. Ein großer Auftritt, dessen Dichte und Fülle allerdings die volle Aufmerksamkeit des Publikums erfordert.

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