Indies 2020: Zwölf Buchtipps aus unabhängigen Verlagen

Hauke Harder ist Inhaber der unabhängigen Buchhandlung Almut Schmidt in Kiel. Er bespricht in diversen Medien Bücher, bloggt über Literatur auf Leseschatz.com und war dafür mehrmals für den Buchblog Award nominiert.
Im mojoreads Literaturmagazin empfiehlt er seine aktuellen Lieblingsbücher aus unabhängigen Verlagen:

Karen Grol: „Himmel auf Zeit“ (Verlag ebersbach & simon)

Erneut hat Karen Grol einen großartigen, flüssigen und lebendig zu lesenden Biografie-Roman geschrieben. Nach Charles Rennie Mackintosh („Mackintoshs Atem“) ist es nun die faszinierende Künstlerin Anita Rée. Sie wurde von Liebermann gefördert und ihre Einflüsse waren u.a. Picasso, Matisse und Cézanne. Als selbstständige, moderne Frau musste sie sich in einer von Männern dominierten Kunstwelt behaupten. Mit ihren Werken erlangte sie in den 1920er Jahren Anerkennung. Doch die Geschichte bremste sie und ließ sie in Vergessenheit geraten.
Dieser lesenswerte Roman lässt eine wichtige Künstlerin wieder sehr lebendig werden. Die Figuren werden auf kleinem Raum sehr plastisch dargestellt. Ein ergreifender Roman, der nicht nur Kunstliebhaber in seinen Bann ziehen wird.

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Edem Awumey: „Nächtliche Erklärungen“ (weidle Verlag)

Immer wieder reist Ito Baraka gedanklich zurück und hält seine Erinnerungen fest. Als in seiner Heimat in Afrika die Diktatur voranschreitet kommt es zu Unruhen und Verhaftungen. Auch Ito Baraka wird inhaftiert, gefoltert und lange in einem Straflager eingepfercht. Dort lernt er einen älteren und blinden Mann kennen. Auch als Blinder trennte er sich niemals von der Literatur und bittet nun Ito Baraka ihm vorzulesen. Dies öffnet Ito Baraka ein Tor in die Welt der Literatur.
Nach dem politischen Zusammenbruch kommt Ito Baraka frei. Er beginnt zu schreiben und findet ihn ein Förderer, der ihm ein Stipendium in Kanada ermöglicht. Somit beginnt Ito Baraka in der Ferne ein neues Leben, das aber zwischen dem Neuen und dem Alten hin- und hergerissen ist.

Der Autor Edem Awumey wurde 1975 in Lomé, Togo geboren und lebt bei Ottawa. Dies ist sein vierter Roman, der von Stefan Weidle aus dem Französischen übersetzt wurde. Die Sprache ist gleich der Handlung, roh, direkt und doch sehr einfühlsam und schafft Raum für viel Empathie und Gedankenspiele. Ein ergreifendes Werk, das den Schrecken einer Diktatur, aber auch die Wichtigkeit der Literatur beschreibt.

Illustration: Benoît Tremsal + Übersetzung: Stefan Weidle

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Arezu Weitholz: „Beinahe Alaska“ (mare Verlag)

Wie schön es sein kann, wenn man erkennt, dass es manchmal klug ist, sich von der Suche nach dem Perfekten im Leben zu verabschieden. Das beinahe Ankommen kann eine Bereicherung im Leben sein. Die Erzählerin soll an einer Expeditionskreuzfahrt teilnehmen, um die Arktis zu fotografieren. Die Schiffspassage soll von der Südspitze Grönlands nach Alaska führen. Diese Reise kommt der Fotografin gerade recht. Denn sie ist gerne unterwegs und meidet ihr Zuhause. Da das Eis unberechenbar ist, muss neuer Kurs genommen werden und es geht Richtung Neufundland. Die Weite des Nordens als Fluchtpunkt, in dem man aber keine Chance hat, sich zu verstecken.

Ein schöner, kluger und leicht sarkastischer Roman. Der Blick auf die Figuren ist mit viel Empathie beschrieben und die Reise mit den ganzen Facetten ist lebendig und schön erzählt.

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Jürgen Bauer: „Portrait“ (Septime Verlag)

Jürgen Bauer hat ein literarisches Portrait mit Worten gemalt, in dem drei verschiedene Menschen, eine Mutter, ein Liebhaber und eine Ehefrau, jeweils das Portrait eines Mannes entwerfen.

Georg als Mittelpunkt, als die Figur, um die sich alles dreht und den alle mit ihren Erzählungen ansprechen. Warum sie dies machen, erschließt sich erst am Ende. Wer ist Georg? Zeichnen die Mutter, der Liebhaber und die Ehefrau ein wahres Portrait von ihm? Sind es letztendlich doch nur sie selbst, die von sich erzählen?

Welches Bild macht sich jeder vom anderen? Was bleibt im Verborgenen, wird verdrängt oder eventuell übersehen? Wohl der bisher stärkste Roman des österreichischen Autors Jürgen Bauer

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Sandra Weihs: „Delilah“ (Czernin Verlag)

Ein Roman über Liebe, Freundschaft, das Erwachsenwerden und die tiefverwurzelte Sehnsucht nach Freiheit:

Die Erzählerin sitzt an ihrem Schreibtisch und blickt auf den Garten und in ihre Kindheit zurück. Immer wieder rücken der Apfelbaum und seine Früchte in das Blickfeld. Penelope ist die Erzählerin, die als Schülerin schüchtern in Erscheinung tritt. Ihre neue Freundin nennt sich Delilah. Durch Delilah erhält alles eine Einfachheit, eine Schönheit.
Die jungen Frauen werden gute Freundinnen. Delilah hat etwas Zartes, Wildes und Freies, das sich auf die Menschen in ihrem Umfeld abfärbt. Es folgt ein klirrender Winter, in dem die Freundschaften auf die Probe gestellt werden. Ein wunderschön geschriebenes Werk.

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Yoko Ogawa: „Insel der verlorenen Erinnerung“ (Liebeskind Verlag)

Yoko Ogawa hat eine faszinierende Parabel über Verlust geschrieben. Verlust von Vergangenem, Seiendem und dadurch letztendlich auch von Freiheit:

Die Handlung spielt auf einer vom Festland weit entfernten Insel, auf der sich die Menschen mit einem Phänomen und einem totalitären Staat abgefunden haben. Das Phänomen betrifft ein regelmäßiges Verschwinden von Dingen. Doch gibt es Menschen auf der Insel, denen man die Erinnerungen an die Geschichten nicht nehmen kann. Bei diesen Personen klappt die Auslöschung nicht und somit sind sie eine Gefahr für den Staat und ein Opfer der Erinnerungspolizei.

Was passiert, wenn die Menschen selbst verschwinden müssen? Wo Erinnerungen, Geschichten oder sogar Bücher vergessen, wenn nicht sogar verbrannt werden, verbrennt sich dann nicht auch letztendlich die Menschheit? Ein kleines Meisterwerk, das als Parabel die aktuellen politischen Geschehnisse weltweit einspannt und uns gleichzeitig die Welt neu durchdenken lässt.

Übersetzung: Sabine Mangold

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Máirtín Ó Cadhain: „Die Asche des Tages“ (Kröner Verlag)

Irische Literatur hatte und hat immer noch oft Kultstatus. Dies liegt wohl an der fröhlichen Melancholie und dem schwarzen sowie hintergründigen Humor.

Der Held wird lediglich N. genannt. Er macht gerade etwas durch, das wohl viele kennen dürften. Etwas, das eigentlich unbedingt erledigt gehört, verschiebt man so lange, bis es zu spät, von anderen erledigt oder gänzlich unmöglich ist, noch verarbeitet, bzw. in Angriff genommen zu werden. Bei N. wird es immer schwieriger, denn es handelt sich um die Beisetzung seiner Ehefrau. Man leidet mit N., auch wenn man ihn gerne an den Schultern schütteln möchte. Man glaubt ihm seine Gedanken und denkt, er wird alles irgendwann eventuell doch meistern. Ein typisch schräger, irischer Roman. Also, gerne alles aufschieben und Máirtín Ó Cadhain lesen!

Übersetzung: Gabriele Haefs

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Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst“ (Kunstmann Verlag)

Im neuen Roman von Kristof Magnusson geht die Kunst baden. Ein zurückgezogener Künstler trifft auf Kunstfreunde, die zu entscheiden haben, ob der berühmte Maler ein eigenes Museum bekommt. Dabei prallen Welten aufeinander und einiges gerät aus dem Ruder und eskaliert. Der witzige und unterhaltsame Roman lässt einen wahrhaftigen und überspitzten Blick in den Kulturbetrieb zu und malt ganz nebenbei ein buntes Gemälde unserer Gesellschaft.

Kristof Magnusson schreibt mit viel Humor und versteht es, besonders die Dialoge sehr lebendig wirken zu lassen. Das ganze Werk ist flüssig zu lesen und belebt durch die schrulligen Figuren. Sehr unterhaltsamer und spaßig!

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Ulrike Almut Sandig: „Monster wie wir“ (Schöffling Verlag)

Ein unglaublich starkes Debüt, das sprachlich und durch den Inhalt überzeugt. Was wird aus Menschen, die als Kinder stets mit Gewalt konfrontiert waren? Wem kann man Vertrauen schenken und wie kann man sich gegenseitig heilen?

Die Handlung beginnt in der ostdeutschen Provinz. Ruth und ihr Bruder Fly wachsen im dörflichen Pfarrhaus auf. Ruth ist noch zu klein, um vieles, was um sie und mit ihr passiert, zu erfassen. Eine Art des Schutzgefühls findet sie stets bei ihrem Freund Viktor. Bei ihm wird sie sich auch trotz seiner Entwicklung sicher fühlen.

Viktor erlebt zu Hause ebenfalls Gewalt und Missbrauch. Später findet er die Möglichkeit, seine Empfindungen auszublenden. Was Gewalt bedeutet weiß er und er will nun selbst abschrecken. Er trainiert, um stark zu wirken, rasiert sich den Kopf und trägt Springerstiefel. Wohin es letztendlich Ruth oder Viktor verschlägt, ist durch Gewalt geprägt. Das Buch ist ein Monster – und was für eins. Es ist aufwühlend, kraftvoll und begeistert von Anfang an.

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Dietmar Krug: „Von der Buntheit der Krähen“ (Otto Müller Verlag)

Der neue Roman von Dietmar Krug zeigt erneut, wie gekonnt der Autor große und heikle Themen in Literatur verwandelt.

Thomas ist damals dem Dorfleben entflohen. Nun kehrt er zurück. Er will sich neu orientieren und richtet sich in seiner alten Heimat neu ein. Noch jemand ist ins Dorf zurückgekehrt: Karl, Thomas Jugendfreund. Karl hat ebenfalls mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen. Unter seiner bäuerlichen Erscheinung trägt er anfänglich noch versteckt ein Kleid.

Der Schauplatz ist ein Dorf. Ein Dorf, das bewohnt wird von Menschen, die Angst vor dem Fremden und den Anderen haben. Ein eindringlicher und intensiver Roman, der das Innere, die Vielfältigkeit und diverse Wahrheiten herausschält. Das vermeintlich Dunkle wird beim genauen Betrachten bunt. Gleich dem Federkleid der Krähen, das, wenn man es genau betrachtet, auch vielfarbig ist.

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Karosh Taha : „Im Bauch der Königin“ (Dumont Verlag)

„Im Bauch der Königin“ verführt uns, spielt mit uns und ist eine, nein, es sind mindestens zwei großartige Geschichten. Es sind nicht nur zwei Möglichkeiten, zwei Wahrheiten oder Perspektiven, die Karosh Taha aufzeigt. Gibt es die Wahrheit ganz und unbedingt oder ist diese ein individuelles Konstrukt? Es ist ein wahrlich besonderes Buch. Auch die Aufmachung, in einem Wendeformat, ist sehr gelungen. Beide Bücher, die zusammen ein ganzes ergeben, sind auch unterschiedlich geschrieben. Dabei ist es für den Leser nicht wichtig, mit welcher Geschichte er beginnt. 

Zwei Perspektiven werden beleuchtet und die jeweiligen Realitäten können ganz andere sein. Es werden Handlungen unterschiedlich bewertet, beurteilt und gedeutet. Auch die Geschlechterfrage ist bei der Betrachtung von Bedeutung. Welche ist wahr? Bestimmt beide. Karosh Taha schreibt einfach wunderbar! 

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Lu Bonauer: „Die Liebenden bei den Dünen“ (Kommode Verlag)

Eine fast perfekte Novelle, die zum Weinen schön ist. Es geht um die große und ewige Liebe und wird dabei niemals kitschig oder verklärend. Die Liebenden bei den Dünen sind ein älteres Ehepaar, Romy und Silas. Sie wollen im Leben alles gemeinsam machen und auch, wenn der Moment gekommen ist, gemeinsam sterben. Es ist ihr Geburtstag und heute soll es geschehen. Der letzte Spaziergang und dann, wenn alles bereits gesagt und gemeinsam erlebt wurde, wollen sie ihr sogenanntes Sterbeli trinken. Wenige Stunden später erwacht Silas. Er taumelt durch die Gegend, das Haus und somit auch durch seine Erinnerungen.

Eine klassisch erzählte Novelle, die neben dem Höhe- und Wendepunkt auch einen Kunstgriff am Ende verwendet. Dort, wo Worte nichts mehr sagen können, bleibt das Schweigen… Wer an die Liebe glaubt, sollte diese Novelle lesen.

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