Literarische Vielfalt: die Definition von Diversität

Diversity wird heute meist als Modeerscheinung abgetan oder für das Greenwashing von Unternehmen zweckentfremdet. Wir hören und lesen es immer öfter, die Bedeutung für die Gesellschaft und damit auch für die Literatur ist essentiell. Aber was ist das eigentlich, Diversität? Betroffene sehen sich zurecht nicht als kostenlose pädagogische Instanzen. Die Literaturwissenschaftlerin Eva-Maria Obermann startet deswegen eine Reihe rund um Vielfalt in der Literatur mit der grundsätzlichen Begriffsklärung.

Diversity verstehen:

Diversity ist zunächst der englische Begriff für Diversität. Diversität ist nichts anderes als ein Fachbegriff für Vielfalt. Dass Eintönigkeit und die stete Wiederholung bekannter Strukturen nicht nur langweilig sind, sondern auch Stillstand bedeuten, ist naheliegend. Ohne Vielfalt wird unsere Welt farblos. Wir sehen überall das Gleiche, egal wohin wir schauen und können uns dann auch nur das als möglich und machbar vorstellen. Ein standardisiertes Leben, in dem für Abweichungen kein Platz ist.

Unsere Vorstellung des Besonderen ist limitiert. Denn selbst hier haben wir stereotypisierte Bilder, die uns durch Medien und gesellschaftliche Normen anerzogen wurden. Oft ist das der viel genannte “alte, weiße Mann”, der als Anführer und Ideal fungiert. Das fängt im Kleinen an. Der Vater geht arbeiten, die Mutter kümmert sich still und angepasst um die Kinder. Jungs sind stark und raufen – Mädchen sind schwach und spielen mit Puppen. Doch nicht nur strukturell und auf Geschlechterrollen bezogen sind solche verfälschten Gedankenmuster als solche zu entlarven. Für manche Menschen wirkt es noch immer absurd, wenn das binäre Geschlechtersystem aufgebrochen wird und z.B. trans Personen, nicht binäre Menschen oder auch Homosexuelle und weitere Minderheiten als alltäglich gezeigt und selbstverständlich in die Kultur integriert werden.

Diese Sichtbarkeit erzeugt bei nicht Betroffenen eine Irritation, da sie viele Jahre eine vermeintliche Norm gesehen haben, in der sie sich selbstverständlich wiederfinden konnten. Doch für uns alle d.h. natürlich auch für Betroffene ist die authentische Darstellung von Menschen, mit denen sie sich identifizieren können, elementar. Sie sorgt für Sichtbarkeit, für Wahrnehmung und für eine Art Legitimation, für Ermöglichung und damit auch für Ermächtigung. Dies ist bisher nur der sogenannten Norm vorbehalten. 

Medien und Wirklichkeit:

Dafür müssen wir verstehen, was Medien schaffen. Medien (Fernsehen, Radio, Bücher, Internet, Zeitungen uvm.) sind deswegen so wichtig, weil sie in enger Verbindung mit gesellschaftlichen Vorstellungen stehen – beide prägen sich gegenseitig. Die Bilder, die unsere Gesellschaft als ideal versteht, beeinflussen, was Medien zeigen. Gleichzeitig werden mediale Darstellungen zu Wegweisern für gesellschaftliche Normative. Diese Wechselwirkung erzeugt das, was wir als „normal“ verstehen. Medien schaffen Realität, sie machen sichtbar und bieten Raum und Reichweite für Stimmen, egal ob mit Nachrichten oder kreativen Darstellungen.

Die schwarze Autorin Chimananda Ngozi Adichie schuf in ihren ersten literarischen Texten weiße Hauptfiguren. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass schwarze Figuren in Geschichten vorkommen können (Zeit Interview 02/2020). Dass ihre eigene Realität und Lebenswelt Einzug in ihre Texte hat, ist heute für sie und ihre Leser:innen selbstverständlich, tatsächlich liegt dem ein Erkenntnisprozess zu Grunde. Denn indem Adichie BI_PoC [Black, Indigenous und People of Colour] erschafft, hilft sie sich selbst und anderen, in der Literatur relevant zu werden.
Wichtig ist dabei auch der Own Voice Charakter der Werke. Wenn weiße Personen über nicht weiße schreiben fehlt ein essentielles Verständnis. Gleiches gilt, wenn hetero cis Personen [cis bedeutet, dass diese Menschen sich mit ihrem bei der Geburt zugesprochenem Geschlecht identifizieren] über queere schreiben. Darum ist in solchen Fällen eine tiefgreifende Recherche und das Einbeziehen von Sensitivity Readern, die Spezialist*innen für die jeweiligen diskriminierten Gruppen sind, immer wichtiger. Viele Verlage und Selfpublisher*innen nutzen diese Möglichkeiten bereits und schaffen somit Literatur, die unsere Welt verändert: weil sie zeigen kann, was schon immer da war.

Diversity rettet Leben:

Das klingt vielleicht kurios, hat aber Auswirkungen auf viele Felder unseres Lebens. Ein Beispiel ist die Diskussion um gendergerechte Sprache, die ebenfalls für Sichtbarkeit sorgt und für daraus folgendes Weiter- und Umdenken in anderen Lebensbereichen. Historische Belege lassen sich zum Beispiel vor dem Hintergrund, dass BI_PoCs und queere Menschen schon immer Teil der Welt waren, neu und logischer entschlüsseln. Zwei männliche Skelette, die in ein für Eheleute typisches Grab gebettet wurden, können nicht mehr länger als Kriegsgefährten oder beste Freunde gelten (Spiegel Meldung 12/2001).
Mittlerweile ist auch die These vom jagenden Steinzeitmann insofern widerlegt, als dass jüngste Erkenntnisse zeigen, dass bis zur Hälfte aller Jagenden weiblich waren (taz Artikel 11/2020). Nach und nach rekonstruiert sich mit dem weiteren Blick, den wir durch Diversitätsbewegungen erfahren, eine vielfältigere und schlüssige Vergangenheit.
Doch auch für aktuelle Belange ist Diversity wichtig. Für den Zugang zu Bildung und Inklusion genauso wie für Integration. Aber auch, um bestehende Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Crashtestdummies für Autos sind zum größten Teil dem männlichen Körper nachempfunden. Wie Verletzungen bei Frauen aussehen können, wird nur unzureichend untersucht, so dass die Gefahren bei echten Unfällen für sie umso größer sind. (Spiegel 11/2019). Das gleiche gilt für viele Medikamententests. Selbst die so plakativ als typisch gezeigten Anzeichen eines Herzinfarktes sind auch nur typisch für Männer. Bei Frauen zeigt sich ein Herzinfarkt durch vollkommen andere Symptome, deswegen werden diese bis heute oft falsch diagnostiziert (Deutsche Herzstiftung).

Aber auch für Männer ist mangelnde Diversity lebensgefährlich. Sie haben zum Beispiel ein höheres Suizidrisiko als Frauen, weil Depressionen als unmännlich gelten und deswegen seltener als solche erkannt werden (ZDF 05/2019). Im November macht die Movember Aktion jedes Jahr auf dieses Problem aufmerksam. Wenn der Blick zu diskriminierten Gruppen schweift, wird die Problematik um einiges fataler. Schwarze Menschen haben die höchste Sterblichkeitsrate aufgrund von Corona (Tagesspiegel 04/2020), werden öfter kriminalisiert (Stuttgarter Zeitung 06/2020) und sind generell bis heute die größte betroffene Gruppe sozialer Benachteiligung in Europa (Tagesspiegel 03/2018). Queere Jugendliche leiden unter der Unsichtbarkeit und Ausgrenzung. Depressionen, psychosomatische Symptome und Selbstmordgedanken sind die Folge (Spiegel 09/2020). Die permanente Angst vor Diskriminierungen kennen auch Menschen, die aufgrund ihrer ethnischen, religiösen oder sozialen Merkmale physische und psychische Gewalt erfahren. Denn Diskriminierung ist nichts anderes als Gewalt.

Die Augen öffnen:

Die Masse der Gesellschaft hält sich erst einmal nicht für diskriminierend, d.h. auf der Seite der Täterschaft. Wir wollen natürlich selten absichtlich jemandem schaden bzw. Menschen verletzen. Tatsache ist: in unserem Alltag steckt so viel Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Ableismus [Diskriminierung gegen behinderte Menschen], dass wir allein durch die gesellschaftliche Prägung täglich Ismen reproduzieren.

Das kann die Autorin historischer Romane sein, die das N-Wort nutzt, weil sie es für die historische Einordnung für notwendig hält. Es kann der Autofahrer sein, der den Bremsenden vor ihm als I… beschimpft. Selten sind wir uns der Problematik bewusst, d.h. agieren bewusst – die Opfer erfahren dadurch aber stetigen Schmerz in vielen Formen. Wir leben in einer Welt, die permanent und selbstverständlich Diskriminierungen zulässt. Deswegen ist die Forderung nach Vielfalt und Sichtbarkeit für marginalisierte d.h. an den Rand der Gesellschaft gezwungene Gruppen, eine nach Gerechtigkeit. Indem wir als Literaturmenschen auf Diversität in Büchern achten, sie schreiben, kaufen, lesen, besprechen, ermöglichen wir eine realistischere und sozial gerechtere Abbildung unserer Gesellschaft. Wir nehmen damit niemandem etwas weg, sondern schenken Anderen die Identifikationsmomente, die für uns selbstverständlich sind und uns selbst einen weiteren, vielseitigeren Blick auf die Wirklichkeit.



Zum Weiterlesen:

Diversity in der Literatur: Diversität in der Literatur (diversitaetinderliteratur.carrd.co)

Sprache formt Ralität: Sprache, unsere Welt und Misogynie – Feminismus oder Schlägerei (feminismus-oder-schlaegerei.de)

Was ist Diversity: Eine Welt der Vielfalt e.V. – Diversity – Was ist das? (ewdv-diversity.de)

Linus im Interview auf mojoreads: Linus Giese: „Ich hätte das Buch gar nicht anders schreiben können“ – (mojoreads.de)

Das binäre Geschlechtermodell (und mehr): Binäre Geschlechter – Projekt 100% MENSCH

Medien und Wirklichkeitskonstruktion: Materialblatt_Realität_01 (medien-in-die-schule.de)
Sensitivity Reading: Sensitivity Reading (sensitivity-reading.de)

Ableismus: Ableismus | www.teilhabeberatung.de

Diskriminierung ist Gewalt: Diskriminierung ist eine Form der Gewalt – Elternkompass – dein Magazin für Schwangerschaft, Baby & Familie

Zum N-Wort als Trigger: Das N-Wort | bpb

Nicht binäre Pronomen: Non-binäre Pronomen: Wieso werden sie kaum verwendet? – Querfragen – jetzt.de

Interview über QueerWelten: Wahr gewordene Vision: Interview über Queer*Welten – ~Schreibtrieb~
She Said in Berlin: Frauenbuchhandlung in Berlin: Frau hat was zu sagen – taz.de

Queerbaiting: Queerbaiting – Der trügerische Schein einer Repräsentation | Geekgeflüster (geekgefluester.de)



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Literaturempfehlungen zu Diversität:

Noah Sow: “Deutschland Schwarz Weiß” 

Noah Sow zeigt in ihrem Sachbuch Rassismen in Deutschland auf. Dabei blickt sie in die Geschichte und macht auf Entwicklungen aufmerksam, die großen Einfluss auf unser alltägliches Verständnis haben. Sows Auslegungen bergen offensichtliche Erkenntnisse, die oft ignoriert wurden. Als Dokumentation für schwarzes Leben in Deutschland und eine Annährung an den internalisierten Rassismus ist ihr Buch elementar.

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Candice Carty-Williams: “Queenie”

“Queenie” wurde 2020 in England als Book oft the Year ausgezeichnet. Zurecht. Der Coming of Age Roman um eine junge schwarze Frau, deren Leben aus den Fugen gerät ist nicht nur eine starke Stimme für BI_PoCs, sondern für alle Frauen. Queenie kämpft als mehrfach marginalisierte Person an vielen Fronten und muss sich zuletzt darauf besinnen, was sie wirklich will. Ein beeindruckendes Buch für Empowerment.
Übersetzung: Henriette Zeltner-Shane

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Kübra  Gümüsay: “Sprache und Sein” 

Wie ist Sprache mit unserem Verständnis der Welt verbunden? Warum macht es einen Unterschied, was wir sagen und wie wir es sagen? Gümüsay dekonstruiert unser Verständnis für Sprache und zeigt auf, wie elementar Vorstellungen und Wirklichkeit mit ihr verbunden sind. Ein großartiges Buch, das leicht zugänglich zeigt, wie Identität mit Sprache in Verbindung steht.

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Amalia Zeichnerin: “Diversity in der Literatur” 

Amalia Zeichnerin ist Bloggerin, Autorin und Aktivistin für Diversity in der Literatur. 2020 hat sie im Selfpublishing einen Essayband veröffentlicht, der sich an Autor:innen und literarisch Interessierte richtet. Wie funktioniert Diversity in der Literatur und wie kann diese Vielfalt sicher und diskriminierungsfrei umgesetzt werden? Mit vielen Literaturtipps und praktischen Anwendungen ein wunderbarer Zugang für mehr Diversität.

Judith und Christian Vogt: “Wasteland” 

In diesem postapokalyptischen Roman sind gesellschaftliche Strukturen außer Kraft gesetzt. Während Geschlecht generell als selbst gewählte Zuschreibung verstanden wird und heute typische Geschlechterrollen aufgebrochen werden, hat die Menschheit mit einer giftigen Umwelt und einem mörderischen Virus zu kämpfen. Judith und Christian Vogt haben hier einen Roman mit geschlechtergerechter Sprache geschaffen, der spannend, gesellschaftskritisch und voller Hoffnung ist.

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Nils Pickert: “Prinzessinnenjungs” 

Wer Pinkstinks kennt, kennt auch Nils Pickert. Wer nicht, sollte beide kennenlernen. Der Feminist kritisiert Geschlechterklischees, wo es nur geht. In Prinzessinnenjungs geht es um Rollenklischees in der Erziehung, toxische Maskulinität und feministische Elternschaft. Denn wer Feminismus denkt, darf nicht nur an Empowerment für Frauen glauben, sondern auch an neue Möglichkeiten für Jungs und den Abkehr von einer binär geschlechtlichen Erziehung.

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Melisa Manrique und Manik Chander: “Mama Superstar”

Melisa und Manik haben elf Porträts von Müttern gesammelt, die als Migrantinnen ein neues Leben begonnen haben. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, aber auch viel Offenheit prägen diese von den Töchtern inspirierte Mütterdarstellungen. Diese können unterschiedlicher nicht sein. Akademikerinnen, Frauen mit und ohne Ausbildungen, Ehefrauen und Studentinnen – die Ausgangslage der „Migrant Mamas“ ist ebenso divers wie ihre Lebensgeschichten. Jedem Porträt ist ein köstliches Rezept zugeordnet, denn auch Essen gehört zum Heimatsbegriff und diverses Essen zur Vielfalt.

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Felicitas Ewert: “Trans.Frau.Sein.” 

Felicitas Ewert ist trans Frau und Aktivistin. In ihrem Buch geht sie sozialwissenschaftlich auf Diskriminierungen und Entwicklungen für trans Personen ein. Gesetzliche Hürden, gesellschaftliche Normen und Sexismus gegen trans Menschen bilden einen Komplex der Ausgrenzung, den Ewert zerlegt und aus dem sie Forderungen zieht. Ein Haltepunkt für Betroffene und ein Augen öffnendes Buch für alle anderen.

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Linus Giese: “Ich bin Linus”

Mit einem Kaffeebecher fing alles an. Ein Becher, auf dem er das erste Mal seinen Namen lesen konnte: Linus. Für den Autor keine Selbstverständlichkeit, denn Linus ist ein trans Mann. In seinem Buch erzählt er die Geschichte zu sich selbst, von den unvorstellbaren Diskriminierungen und warum er nie den Mut verloren hat.

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Amy Bloom: “Meine Zeit mit Eleanor” Der historische Roman erzählt die Geschichte von Lorena, der Journalistin, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, und Eleanor Roosevelt, der Frau des amerikanischen Präsidenten. Zwischen den beiden entsteht eine Liebesgeschichte voller Höhen und Tiefen, die geheim bleiben muss, zum Wohle des Landes und weil Homosexualität gesellschaftlich geahndet wird. Ein Roman, der um ein historisches Mysterium gerankt wird, denn belegt ist die Romanze nicht, aber mehrfach als wahrscheinlich formuliert worden.
Übersetzung: Kathrin Razum

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