Der Buchhandel in Zeiten von Corona: die geistigen Tankstellen bleiben erreichbar!

Die Pandemie erschwert den Buchhändler*innen deutschlandweit das Geschäft mit der Literatur schon seit Anfang des Jahres – Veranstaltungen mussten abgesagt, der Laden dafür aufgerüstet werden, teilweise durfte zwischendurch gar nicht verkauft werden. Auch jetzt ist kurz vor Weihnachten erneut ein Lockdown verhängt worden. Branchen-Experte Carsten Tergast zeigt, wie kreativ und positiv der Buchhandel mit der Lage umgeht!


Dieser Text ist weit vor dem neuen Lockdown entstanden. Die Auslegung der jeweiligen Verordnungen ist den Bundesländern und dem jeweiligen Ordnungsamt vorbehalten – größtenteils ist Abholung und Lieferung jedoch erlaubt, manchmal sogar weiterhin der Direktverkauf. Wir bitte diesbezüglich die örtliche Lieblingsbuchhandlung direkt zu kontaktieren und bei dieser Gelegenheit gleich eine literarische Bestellung durchzugeben!


Die Kund*innen sind König*innen – bei der Buchhandlung Neusser Straße in Köln!

Eigentlich fehlt nur noch der rote Teppich vor Herrn Mayers Buchladen im hessischen Langenselbold. Zumindest könnte man kurz auf die Idee kommen, im Inneren der kleinen Buchhandlung von Inhaber Matthias Mayer finde gerade eine Filmpremiere oder etwas ähnlich Illustres statt, denn vor dem Eingang stehen zwei edel erscheinende Pfosten, an denen rotsamtenes Absperrband befestigt ist, wie man es eben von Filmpremieren oder Luxusrestaurants kennt. Der Grund jedoch ist leider wesentlich profaner, ist die Absperrung doch zur Zugangssteuerung gedacht: wenn nach Corona-Maßstäben die maximale Kund*innenzahl im Laden ist, wird das Band eingehängt und der nächste Kunde darf erst rein, wenn ein anderer die Buchhandlung verlassen hat.

Barbara Ter-Nedden von der Bonner Parkbuchhandlung liefert persönlich mit dem Fahrrad aus, während ihr Team via Instagram und Newsletter Buchtipps gibt!

Zugangssteuerung auf diese oder andere Art ist nur eine von vielen Maßnahmen, die der Buchhandel in der aktuellen Pandemie-Lage umsetzt, um den Kund*innen Sicherheit beim Stöbern und Kaufen zu gewährleisten. Nach Anordnung des zweiten Teil-Lockdowns Anfang November, bei dem bisher immerhin die Läden geöffnet bleiben dürfen, gibt es eine klare Vorgabe, die lautet: Ein Kunde pro zehn Quadratmeter Ladenfläche. Dass dabei innerhalb des Ladens auf die geltenden Abstandsregeln geachtet wird, sollte sich von selbst verstehen.

Für Buchkäufer*innen, Literaturinteressierte, Sachbuchfreaks und alle, denen die Vielfalt der Buchhandelslandschaft im Land am Herzen liegt, ist vor allem eins wichtig: Die „geistigen Tankstellen des Landes“ bleiben erreichbar und sollten für all die Mühen, mit denen die Buchversorgung in der aktuellen Lage sichergestellt werden, belohnt werden.

Die Buchhandlung Lüders aus Hamburg bietet einen Katalog mit Empfehlungen zum Stöbern und Bestellen!

Der Ideenreichtum der Buchhändler*innen erschöpft sich dabei natürlich nicht mit der Zugangssteuerung. Beachtet werden müssen, so hat es Claudia Sommermann von der Bayreuther Christothek Buchhandlung festgestellt, im Wesentlichen vier Säulen des Krisenmanagements: Ladenmanagement, Kunden, Team sowie Information.

Mit mehr oder weniger umfassenden Konzepten für diese vier Bereiche gehen die Buchhandlungen an den Start. Viele Buchhandlungen setzen dabei verstärkt auf Online-Dienstleistungen für ihre Kund*innen. Da werden Buchbesprechungen gestreamt, Facebook, Instagram und Co. in wesentlich höherer Frequenz als bisher mit Buchtipps bestückt, die Möglichkeiten der Online-Shops ausgebaut und Kunden bekommen persönliche Literaturlisten per E-Mail oder sogar eigene Magazine zusammengestellt. 

Natürlich aber bleibt für echte Buchfreund*innen das Ladenerlebnis vor Ort ein wichtiger Bestandteil ihrer Buchkaufpläne. Viele Buchhandlungen reagieren darauf mit erweiterten Öffnungszeiten, zum einen ganz generell, zum anderen mit einer nicht ganz neuen Idee, die sich aber derzeit auf breiterer Basis durchsetzt: Persönliche Sonderöffnungszeiten für kleine Gruppen, die vorher individuell gebucht werden können. Das läuft dann beispielsweise unter der Bezeichnung „Stöberstunden“, wie Sonja Lehmann von der Buchhandlung Bücherwurm im hessischen Borken es nennt, in Langenselbold öffnet Matthias Mayer das samtene Absperrband zur „Bummelzeit“.

Die Buchhandlung Lünebuch aus Lüneburg arbeitet neben einer eigenen Auslieferungsflotte auch mit einem Abholcontainer vor Ort!

Generell aber wird die Bummelzeit in diesem Jahr eher gering ausfallen und eine gewisse Effektivität beim Buchkauf ist gefragt. Buchhändler*innen reagieren darauf, indem sie die Abläufe stärker miteinander verzahnen und durchorganisieren. So erzählt Dorothee Junck vom Buchladen Neusser Straße in Köln: „Wir bauen eine Außenstelle auf und verlagern das Geschenkeeinpacken auf unsere Außenposten vor der Tür. Wir sind auf allen Kanälen erreichbar, Telefon ohne Warteschleifengedudel, WhatsApp, E-Mail und einige andere. Dazu gibt es ‚Abholen ohne Warteschlange‘, dem Buchpaket liegt dann eine Rechnung bei, die überwiesen oder per PayPal bezahlt werden kann.“ Letzteres bietet etwa auch die Buchhandlung Lesezeichen in Norden an und nennt das Ganze schlicht „Bücherbox“: Kund*innen haben die Möglichkeit, ihre Bestellung zu einem vereinbarten Zeitpunkt kontaktlos und mit Rechnung direkt aus der Box vor der Ladentür abzuholen.

Wer doch gerne den Laden betreten möchte, um zumindest kurz das Angebot in Augenschein zu nehmen, kann sich darauf verlassen, dass alle Buchhändler*innen sich ausgiebig Gedanken übers Thema Lüften gemacht haben. Zwar scheut der Großteil der Händler*innen hohe Investitionen in teure professionelle Lüftungsanlagen, zumal sich die Experten streiten, welche davon tatsächlich auch Coronaviren zuverlässig filtern, doch gibt es überall Lüftungskonzepte aus Bordmitteln, die zusätzlich zu Abständen, Kundenanzahl und Masken eine mögliche Infektionsgefahr weiter reduzieren. Weiterhin setzen viele Buchhändler*innen auf Kundenleitsysteme in ihren Läden, um so wenig Begegnungen wie möglich zu haben. Dabei werden kreativ Pfeile auf dem Boden angebracht oder Ladeneinrichtungen anders platziert, um die Kund*innen besser lenken zu können.

Das Büchereck aus Niendorf hat einen eigenen Ausgabewagen für die vorher per Whatsapp & Co. bestellten Leseschätze!

Wer sich nicht unbedingt auf den Weg in die Innenstadt machen will, profitiert von ausgebauten Lieferservices. Hatten viele Buchhandlungen beispielsweise bisher nur einen Wochentag, an dem geliefert wurde, so erstreckt sich dieser Service nun häufig auf mehrere Wochentage, oft ab einem bestimmten Bestellwert auch kostenfrei. Darüber hinaus lohnt es sich für Kund*innen, ihren Blick auf Angebote über die Stammbuchhandlung hinaus zu richten. So organisieren in verschiedenen Städten die Werbegemeinschaften Aktionen, an denen auch die örtlichen Buchhandlungen beteiligt sind. In Bottrop etwa gibt es den „Lieferdienst Louise“, bei dem mehrere Läden, darunter die Humboldt Buchhandlung und die Buchhandlung Erlenkämper, gemeinsam Bestellungen ausliefern und damit ein umfassenderes und kostengünstigeres Angebot machen können, als es Einzelkämpfer*innen möglich ist. Die Christothek Buchhandlung wartet mit einer weiteren Idee auf: der „Bauchladen“. Die Kund*innen der Bayreuther Buchhandlung können sich eine kleine Auswahl an Büchern und Zusatzartikeln nach Hause bringen lassen und dort ihren individuellen Einkauf tätigen.

“Hartliebs Bücher” aus Wien macht es schon seit Wochen vor – literaturbegeisterte Kund*innen sorgen für volle Abholregale!

Übrigens kann Corona sogar lecker sein. Bedingt durch die Zugangsbeschränkungen kann es natürlich immer zu Wartezeiten vor dem Laden kommen, und diese versüßen viele Händler*innen ihren Kund*innen mittlerweile. Manchmal gibt es Schokokugeln, anderenorts heiße Getränke und auch die Verteilung von Mandarinen wurde bereits gesichtet. Unabhängig davon, ob Vitamine oder Kalorien angeboten werden, zeigen diese und andere Aktionen deutlich, dass die Buchhandlungen im Land sich so leicht nicht schocken lassen und ihre wichtige Funktion als Lieferanten von Unterhaltung und Information mit allen kreativen Mitteln aufrecht erhalten.

Eine noch wichtigere Funktion kommt in diesem Zusammenhang auch dem Schaufenster zu. Als kontaktloses analoges Kommunikationsmedium kann es all das präsentieren, was anschließend auf den verschiedenen beschriebenen Wegen geordert und geliefert werden kann. Buchhändler*innen sind also gut beraten, in dieser Zeit zusätzliches Augenmerk auf den Einfallsreichtum bei der Warenpräsentation auf diesem Weg zu legen, die Kunden werden es ihnen danken.

Was alle Buchhändler*innen eint: aus der Not eine Tugend zu machen und ihre Vielseitigkeit & Kreativität zu beweisen! Buy local! Illustration: Regina Kehn

Neben all den „harten“ organisatorischen Dingen, um die es sich zu kümmern gilt, ist aber auch das natürliche Gelassenheitsgen wichtig, das so vielen Buchhändler*innen eigen ist und das Kolleg*innen aller Regionen eint. Ob der ostfriesische Buchhändler Lars Klinkenborg aus Weener mit norddeutscher Gelassenheit sagt „Ich sehe das sehr entspannt und das Weihnachtsgeschäft nicht wirklich als Problem“ oder ob der eingangs erwähnte Hesse Matthias Mayer witzelt, im Notfall werde er als Chef Kund*innen aus der Schlange winken und einweisen, ein wenig „Fischmarkt-Atmosphäre“ könne ja nicht schaden: Wichtig ist, dass Händler*innen und Kund*innen respektvoll miteinander umgehen und die Situation mit einer Portion Humor nehmen. Dann gilt, was Dorothee Junck so formuliert: „Wir gehen frohen Mutes ins Weihnachtsgeschäft. Es gibt großartige Bücher und ich glaube, dass die Menschen gerne an all ihre Lieben ein breites Zeichen des Zusammenseins senden mögen. Und das kann doch gerne mit einem Buch passieren.“

Alle Buchhändler*innen beweisen in diesem Jahr eine ebenso hohe Stressresistenz wie Ideenvielfalt und das gilt es nicht nur von Kund*innenseite zu honorieren – erst recht in den letzten Vorweihnachtstagen!



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